Yvonne Koch...

Razib’s wish

Es gibt in Bangladesch viele Dinge, die es eigentlich nicht geben dürfte. Kinderarbeit ist eins davon. Denn laut bengalischem Gesetz dürfen Kinder unter 14 Jahren nicht arbeiten. Aber das steht – wie so vieles – eben nur auf dem Papier. Tatsächlich schätzt die UNICEF, dass rund 5 Millionen Kinder zwischen 5 und 15 Jahren in Bangladesch arbeiten müssen, viele in der Textil- und Lederindustrie, andere in der Landwirtschaft und wieder andere haben sogar mehrere Jobs. Wie Razib, ein 12jähriger Junge, den ich in einem Slum in Dhaka getroffen habe.

IMG_0685
Foto: Jabed Patwary

Er ist erst sehr schüchtern, wagt es kaum mich anzusehen und dass alle sich um uns scharen, ist ihm sichtbar unangenehm. Erst als ich mich bei meinen Bangla-Begrüßungsfloskeln verhaspele, huscht ein Lächeln über sein Gesicht und als ich ihm sage, dass ich mich mit dieser Sprache so schwer tue, nickt er kurz, schaut mir direkt in die Augen und meint: „Ja, lernen ist nicht leicht. Aber ich lerne trotzdem gerne.“ 

Er zeigt mir sein Haus, eine Wellblechhütte, die sich neben etwa 10 anderen in eine Baulücke quetscht. Alle Hütten sind aus Blech, Bambusstangen und Plastikfolien zusammengeschustert. Trotzdem ist das hier eindeutig kein typischer Slum, denn er ist nicht am Ortsrand, sondern mitten in einer Straße in einem der moderneren Viertel in der Hauptstadt Dhaka. Es gibt eine Wasserstelle für alle Familien hier, die ist von einer Betonwanne eingefasst, und eine Gemeinschaftsküche, die sogar mit Plattenkochern ausgestattet ist.

IMG_0699 (2)
Foto: Jabed Patwary

Razib erzählt mir, dass er jeden morgen um sieben mit der Arbeit anfängt. Aber die schwerste Arbeit beginnt eigentlich davor: mit dem Aufstehen! Jetzt grinst er frech und ich merke, dass er seine Scheu immer mehr verliert. Für eine Stunde arbeite er jeden Morgen auf dem Markt um die Ecke, helfe beim Kistenschleppen und beim Auslegen der Ware. Diese Arbeit macht Spaß, sagt Razib, denn mit den meisten Händlern kann man nebenher auch mal einen Scherz machen und manchmal spendiert der Gemüsehändler sogar einen Tee. Zu mehr reicht die Zeit meist nicht, denn um Punkt acht muss Razib im Schlachthaus sein.

 

Das ‚Schlachthaus‘ ist eigentlich der Hinterhof von einem Metzger. Razib ist hier für die Hühner zuständig, genauer gesagt fürs Rupfen und Zerlegen. Töten muss er das Huhn in der Regel nicht selbst, nur festhalten, aber das sei schlimm genug, versichert er mir: „Mir tun die Hühner so leid, es macht mich traurig, wenn das Gackern verstummt. Aber ich muss Geld verdienen und habe keine Wahl.“ Von acht Uhr morgens bis mindestens zwei Uhr nachmittags sieht Razib täglich nur Blut, Federn, Haut und Krallen. Es sind immer wieder dieselbe Handbewegungen, bis sein Chef kommt, ihm etwas Geld für Essen in die Hand drückt und natürlich den Lohn für diesen Tag. 50 Taka sind das meistens, das sind etwa 60 Cent. Nach der Arbeit im Schlachthaus rennt Razib nach Hause, nur um kurz auszuruhen. Denn danach geht es weiter zum nächsten Job: Razib ist nämlich auch noch Rikscha-Fahrer.

JPS14374
Foto: Jabed Patwany

„Das mach ich aber nicht jeden Tag“, versichert mir Razib, „nur zwei-, dreimal die Woche und nur, wenn ich rechtzeitig vor der Dunkelheit nach Hause komme oder ich nicht genug Geld zusammenbekommen hab“. Bis auf seine kleine Schwester arbeiten alle in seiner Familie. Seine Mutter ist Hausmädchen, sein Vater arbeitet in einem Restaurant, die ältere Schwester ist Näherin in einer Fabrik und sein älterer Bruder ist auch Rikscha-Fahrer. Razib sitzt lässig auf dem Fahrrad, während er auf Kunden wartet. „Das Schlimmste am Rikscha-Fahren?“, Razib grinst frech, „das sind die dicken Kunden!“ Auch wenn mehrere Kunden gleichzeitig mitfahren wollen, sei das hart. Natürlich berechnet Razib dann einen höheren Preis für diese Fahrt, er sei ja nicht blöd. Aber leider auch nicht so schlau, wie er es gerne wäre: „Normalerweise hab ich keine Zeit für die Schule, das lassen meine Arbeitszeiten nicht zu. Aber mein Bruder war zwei Jahre auf der Schule und er bringt mir manchmal Lesen und Schreiben bei. Ich hab ein paar Bücher, die mir jemand geschenkt hat. Ich bin ganz scharf drauf, etwas zu lernen, das fällt mir nämlich ziemlich leicht“

Seine Mathekenntnisse reichen fürs Schlachthaus, erklärt Razib stolz, er könne sagen, wieviel ein Hühnchen wiegt und wieviel es dann kostet. Und der Zwölfjährige weiß genau, wann er genug Geld zusammen hat, damit er sich ‚Freizeit‘ leisten kann. Dann rennt Razib zurück zum Slum, sucht nach seinem besten Freund und zusammen lassen sie hinter den Häusern Drachen steigen.

Was denn sein größter Wunsch sei, frage ich ihn. Razib versteht erst gar nicht, wie ich das meine. Was er am liebsten machen würde, wenn er es sich aussuchen könnte, versuche ich es nochmal. Und die Antwort kommt prompt: Schlafen!

Yvonne Koch

Leave a comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.