Yvonne Koch...

The crass contrast

Es gab einen Moment bei dieser Reise, der war dermaßen absurd, ja fast schon schizophren, dass ich lange daran zu knabbern hatte.

Morgens zwängte ich mich noch durch glitschige, versifft Durchgänge in einem Slum, erlebte Menschen, die auf engstem Raum miteinander lebten, oft mit löchriger Kleidung, ohne Schuhe und mit ausgehöhlten Wangen.

Senior University Photographer
Foto: naimablog

Und am gleichen Tag war ich abends in einer völlig anderen Welt eingeladen… Hinter einer hohen Mauer, nachdem wir mehrere Sicherheitsschleusen überwunden hatten, öffnete sich ein großer Garten: Der Dutch Club – Eine Oase der westlichen Lebensart, ja fast schon Dekadenz mitten in Dhaka.

Das regelmäßig ploppende Geräusch von links, machte mich neugierig und mein Gastgeber führte mich deshalb bereitwillig erstmal in diese Richtung….

Zwei Menschen in weißen Höschen, Söckchen und Schweißbänderchen ploppten hier kleine gelbe Bällchen über ein Netz. Auf einem akkurat abgezogenen Tennisplatz.

Gleich daneben das Club- und Gästehaus des Anwesens. Hier könne man hervorragend übernachten, versichert mir mein Gastgeber, der übrigens Clubmitglied ist. Er selbst habe das anfangs auch gemacht, bis er eine richtige Bleibe gefunden hatte. Natürlich sei hier high-speed WLAN, ein LCD Flachbildschirm und klimatisierte Räume Standard. Gut, es sei nicht ganz billig, etwa 99 Dollar pro Nacht müsse man schon rechnen, aber dafür könne man hier im Club auch mal so richtig ausspannen.

Ich kriege eine Gänsehaut. In meinem Kopf ploppt es jetzt auch…lauter Details vom Morgen blitzen auf….eine einzelner gelber FlipFlop im Matsch, die schiefen Zähne eines Gesprächpartners, Plastiktassen, die von der Decke hängen und ein bis auf die Knochen abgemagerter Hund mit eingezogenem Schwanz…

Offenbar verrät meine Mimik meinen Gemütszustand. Jedenfalls versichert mir mein Gastgeber, dass er den Dutch Club anfangs auch unglaublich dekadent fand. Aber gerade jetzt, wo er wegen der Sicherheitslage im Land nichtmal mehr draußen joggen gehen könne, jeden Meter mit Fahrer und womöglich mit Polizeieskorte machen müsse,  sei der Club eine Art Zuflucht geworden. Hier könne er zum Beispiel schwimmen, einfach so, in Badehose! Und natürlich gäbe es auch Bier hier…Spricht’s und bestellt eins.

Nein, nicht für mich. Ich trinke in einem muslimischen Land keinen Alkohol. Ich beobachte lieber die anderen Gäste. Irgendwie reden alle besonders laut hier. Die Gesten des schwabbeligen Schnauzbarts nebenan sind weit ausholend. Er redet auf einen kleinen Jungen ein, der trotzig einen riesigen Eisbecher inhaliert. Jaaaa, das ist holländisch.

Am Tisch gegenüber wird dagegen französisch und englisch durcheinander geredet. Drei junge Menschen sind das, ich schätze höchstes Ende dreißig. Die Frau wirft sich beim Lachen theatralisch nach hinten gegen die Stuhllehne, die beiden Jungs reden sich gegenseitig übertrumpfend auf sie ein. Es geht um einen Trip, einen Ausflug…das müsse man unbedingt mal gemacht haben…nein, dazu müsse man nur so einen kleinen Flieger chartern…

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Ich frage meinen Gastgeber, ob man sich denn kenne im Club oder doch eher für sich sei. Nein, nein, hier kenne jeder jeden, das wär ja das Schöne, nach einer Woche hier, kenne man alle Expats. Irgendwann, nach dem dritten Bier meines Gastgebers, frage ich, ob die Leute hier denn Geschäftsführer oder Direktoren seinen, sie träten ja schon relativ großspurig auf…Ich halte die Luft an – bin ich jetzt zu weit gegangen? Fliege ich jetzt gleich aus dem Club?

Quatsch, meint mein Gastgeber gutmütig. Die allermeisten seinen einfache Ingenieure, Angestellte oder sogar Trainees. Und würden wie er in ihren Heimatländern ein ganz normales, manchmal sogar nicht gerade üppiges Einkommen haben. Etwa drei Jahre blieben die meisten hier und in diesen drei Jahren, müsse man sich halt auch mal was gönnen!

Ja, ich kann das ein Stück weit verstehen. Es ist bestimmt nicht leicht, jeden Tag mit all dem Elend, dem Smog, chaotischem Verkehr, Korruption und der anderen Kultur umgehen zu müssen. Und ja, bestimmt braucht man da einfach auch mal eine Auszeit.

Aber mir ist dieser extreme Kontrast zwischen den Eindrücken am Morgen und am Abend einfach nur auf den Magen geschlagen.

Yvonne Koch

3 thoughts on “The crass contrast

  • bastoe

    Sehr eindrücklich beschrieben. Von diesem Dutch Club habe ich auch schon gehört. Apropos Sicherheit: hat sich die Lage verschlechtert? Ist sie angespannter?

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    • Yvonne Koch

      oh, jetzt hab ich nicht direkt geantwortet, sorry. Comment siehe unten

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  • Yvonne Koch

    Im Moment ist es erstaunlich ruhig in Bangladesch…es wird gerade mal nicht gestreikt, seit zwei Monaten wurde kein ‚foreigner‘ getötet und von Autobomben hab ich auch schon lange nichts mehr gehört.
    Ehrlich gesagt, wundert mich das. Im vergangenen Jahr ging es ab 4. Januar rund, weil die Opposition zu Streiks und Straßenkämpfen aufgerufen hatte. Sie protestierten damit gegen die undemokratischen Wahlen von 2014, die auch am 4. Januar stattfanden. Die Unruhen, Streiks und Straßenkämpfe, die folgten gingen bis zum Beginn des Ramadan, der war glaub ich im Juni…

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