Yvonne Koch...

The dark side of….snow

Ganz früh morgens hat Rahim aufgeregt angerufen: „Everything is white outside!“ hat er mehrmals gerufen und sich darüber gefreut wie ein kleiner Junge.

Ich weiß nicht, ob er wirklich zum ersten Mal Schnee gesehen hat – immerhin ist Rahim schon viel in der Welt rumgekommen und war zu den verschiedensten Jahreszeiten unterwegs – aber in Bangladesch gibt es dieses weiße, kaltfeuchte Zeugs definitiv nicht, das manchmal innerhalb kürzester Zeit alles leiser, sauber und irgendwie feierlich macht.

Bei seinem nächsten Anruf klingt Rahim allerdings alles andere als euphorisch: Er habe Schmerzen, sagt er, große Schmerzen. Er wirkt völlig durcheinander und aufgeregt und es dauert ziemlich lange, bis ich verstehe, was passiert ist:

Rahim wollte wie jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit. Den Weg kannte er im Schlaf, nicht aber die über Nacht vereiste Stelle in der Kurve kurz vor der Kreuzung….Jedenfalls lag er plötzlich samt Rad am Boden, alles tat weh, besonders der Arm. Also hat er das verbogene Rad geschoben und ist pflichtbewußt erstmal zur Arbeit gehinkt. Sein Chef im Sportpark hat ihn dann zum Arzt geschickt. Rahim ist also zu seinem Hausarzt, der hat ihn in ein Krankenhaus geschickt und dort musste er warten….lange….sehr lange…bis ihm eine junge Frau gesagt hat, dass sie jetzt nichts machen könne, immerhin seien ja noch Weihnachtsferien und der zuständige Arzt nicht da. Er solle morgen wiederkommen.

Ich bin fassungslos. Heimgeschickt? Einfach so? Hab ich da jetzt was falsch verstanden? Nein, nein, sagt Rahim, er habe schon einen kleinen Verband und Schmerztabletten bekommen. Aber jetzt sei er Zuhause und könne nichtmal die Jacke ausziehen, so weh würde es tun. Außerdem habe er Hunger, es sei ja jetzt schon über neun Stunden her, dass er gefrühstückt habe und er wisse noch nicht wie er sich überhaupt ausziehen solle zum Schlafen….

Um es kurz zu machen: Erst 28 Stunden nach seinem Unfall hat Rahim erfahren, dass er sich den Ellenbogen gebrochen hatte und erst nach diesen 28 Stunden hat er eine angemessene Versorgung, sprich eine Schiene für den Arm, bekommen. Und: Während dieser 28 Stunden hat der junge Mann verzweifelt versucht zu verstehen, was die Frau im Krankenhaus ihm eigentlich sagen wollte (sie hat nicht englisch mit ihm sprechen können oder wollen), musste er alle Wege unter Schmerzen zu Fuß erledigen, wurde ihm mehrmals vermittelt, dass er als Asylbewerber eben warten müsse, war der Bruch nicht fixiert worden und Rahim völlig auf sich allein gestellt.

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Fortsetzung folgt

Yvonne Koch

2 thoughts on “The dark side of….snow

  • Thomas Kurella

    Frechheit… Immer auf die Kassenpatienten… Oder die augenscheinlich Mittel- und Rechtlosen…

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    • Yvonne Koch

      Da ich mich ja gerade im ‚positiv Denken‘ übe: Ich hoffe, Rahims Erfahrungen mit dem deutschen Gesundheitssystem sind nicht die Regel…

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