Yvonne Koch...

Zwischen den Wassern

Obwohl der Teesta normalerweise einer der größeren Flüsse in Gaibandha ist, führt er im Moment nicht viel Wasser – die Regenzeit ist ja schon länger vorbei. Deshalb waren wir etwas überrascht, dass mehrere Jungen uns auf keinen Fall durchs Wasser waten lassen wollten, während sie selbst nur hüfthoch darin standen…Sie hätten extra für uns einen Kahn organisiert, rufen sie lachend, denn die Sada chamrar manush, also wir ‚Hellhäutigen‘, sollen trockenen Fusses ans andere Ufer kommen

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Foto: Yvonne Koch

Dass das andere Ufer eigentlich eine Schwemmlandinsel ist, kann man im Moment nur erahnen, anhand der Auswaschungen und den zum Teil matschigen Wegen. Aber es ist trotzdem schwer vorstellbar, dass die komplette Ebene, durch die wir laufen, bei Flut unter Wasser steht.

Das kleine Dorf, das wir besuchen heißt Char Charita Bari und wurde von den lokalen Hilfsorganisationen deshalb ausgesucht, weil die Menschen hier seit Jahren gegen Überflutungen kämpfen und das Wasser gleich von allen Seiten kommt. Das Projekt hat ein ergeiziges Ziel: Um den Menschen zu helfen, soll das komplette Dorf höher gelegt werden. Und zwar um etwa einen Meter höher als der letzte Höchstpegel bei Flut. Aber dazu später mehr…

Erstmal werden wir an etwa acht Wellblechhütten vorbei zum Dorfplatz geführt. Dort sind Stühle im Kreis aufgestellt, manche aus Plastik, andere aus Holz und es ist offensichtlich, dass sie aus jedem Haushalt im Dorf zusammengetragen worden sind. Und hinter den Stühlen stehen sie, alle 11 Familien des Dorfes, vom Kleinkind bis zum Dorfältesten, neugierig, etwas schüchtern, aber trotzdem freundlich und offen. Und wieder einmal fällt mir auf, wie unglaublich einladend die farbenfrohen Gewänder der Dorfbewohner wirken.

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Foto: Broja Gopal Saha

Ich bin erstaunt, dass in diesem Dorf offenbar eine Frau als Wortführerin ausgewählt wurde und nicht wie sonst üblich der Dorfälteste oder der reichste Mann am Ort. Laily heißt sie, ist 42 Jahre alt und hat nicht mal ein Problem vor uns Sada Chamrar manush (Hellhäutige) zu sprechen. Sie antwortet bereitwillig auf all unsere Fragen und schildert uns, dass sie im letzten Jahr vom Wasser völlig eingeschlossen waren, die Lebensmittel wurden knapp und der Trinkwasser-Brunnen war während der Flut verseucht worden. Die Folge waren Durchfall, Haut- und Augenkrankheiten. Drei Kinder sind daran sogar gestorben, sagt Laily, drei Kinder und vier Kühe.

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Foto: Broja Gopal Saha

Das Hauptproblem sei aber, dass die Überschwemmungen mittlerweile völlig unkalkulierbar sind. Mittlerweile? Ich werde hellhörig. Was hat sich denn verändert? Einer der Dorfältesten, ein kleiner, drahtiger Mann mit lustigen Falten,  kann das näher erklären: Früher, so vor 20 Jahren, da trat der Teesta vielleicht alle 6 Jahre über die Ufer. Früher waren auch Stürme eher die Ausnahme und wenn, dann gab es sie im April. Aber jetzt gibt es  fast jedes Jahr Überschwemmungen, oft sogar mehrmals im Jahr und Orkane können jederzeit über das Land ziehen. Das Wasser steht jetzt oft monatelang, die Reisfelder können deshalb manchmal ein viertel Jahr nicht bepflanzt werden.

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Foto: Broja Gopal Saha

Und was das für die Familien bedeutet, erklärt Laily dann näher: Ohne Ernte, kein Einkommen. Also müssen die Männer woanders arbeiten gehen, in anderen Distrikten. Das heißt, sie sind monatelang weg, um sich als Tagelöhner oder Rikscha-Fahrer durchzuschlagen.

Ich erinnere mich, wie mir ein Rikscha-Fahrer in Dhaka erzählt hat, dass er etwa zwei bis drei Euro am Tag verdient…davon muss dann die ganze Familie leben. Und gleichzeitig sind die Frauen monatelang allein, müssen mit dem Alltag allein fertig zu werden. Vielleicht ist das der Grund, dass Laily so selbstbewußt ist, dass die in Bangladesch oft starke Geschlechtertrennung hier im Dorf offenbar nicht greift, dass der Gemeinschaftssinn hier besonders ausgeprägt ist. Denn eine Frau und ein junger Mann erzählen uns stolz, dass sie jetzt bei den Freiwilligen sind, die sich zu Nothelfern haben ausbilden lassen. Bei Überschwemmungen retten sie jetzt Kinder, Alte und Schwangere von den Fluten und es sei ein gutes Gefühl, gezielt helfen zu können.

Jetzt meldet sich Gopal zu Wort, unser Reiseleiter, Übersetzer und Vertreter der Hilfsorganisation CDD, die die Spendengelder aus Deutschland bekommen wird.

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Foto: Yvonne Koch

Der Plan für dieses Dorf ist, es komplett höher zu legen, sagt er. Das ganze Plateau soll um einen Meter höher als der letzte Überschwemmungspegel angehoben werden. Es sei alles vorbereitet: Einer der Männer im Dorf habe sein Grundstück zur Verfügung gestellt von dem die Erde abgetragen, in Körben auf das Dorfplateau getragen und dort aufgeschüttet werden soll. Auch die Felder und Weideflächen sollen höhergelegt werden. Und danach würden die Häuser wieder aufgebaut, ein Brunnen gebohrt und gemauert, zwei Toiletten angelegt und eine Solarpumpe installiert werden. Wir sind beeindruckt! Ein ehrgeiziges Projekt. Und eines, bei dem alle Dorfbewohner mithelfen könnten, weil sie die Arbeiten bezahlt bekommen würden und nicht zum Geldverdienen weggehen müssten. Alles sei vorbereitet, sie könnten sofort loslegen, sagt Gopal und blickt jetzt vor allem Festivalleiter Marcel direkt in die Augen. Wenn er sich für diese Projekt entscheiden würde. Wenn nicht, würden sie die noch brachliegenden Felder bebauen und müssten warten, bis wieder Geld für die Höherlegung da sei.

Ich sehe Marcel an, dass ihm dieser Druck enorm unangenehm ist. Und die Verantwortung. Aber er weiß auch, dass er es den Spendern der Clingenburgfestspielen schuldig ist, auch noch das andere Projekt anzuschauen, genau abzuwägen und dann nach bestem Wissen zu entscheiden.

Yvonne Koch

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